Von Johann v. Pachelbel, Essen
Lutz Mitto hat nun
die zweite Auflage seines Kurzlehrbuches zum Energierecht veröffentlicht. Auf
110 Seiten präsentiert er einen Abriss über die Struktur und die grundlegenden
Regelungen des Regulierungsrechts für die Energiewirtschaft. Auf weiteren 40 Seiten
werden andere Rechtsbereiche dargestellt im Hinblick darauf, wie sie sich mit
dem Energierecht überschneiden. Hinzu kommt ein online verfügbarer Satz an
Übungsfällen samt Lösungen, auf die im Text des Buches verwiesen wird.
Lutz Mitto beginnt
sinnvollerweise nicht sofort mit einem Einstieg in die einzelnen gesetzlichen
Regelungen, sondern stellt zunächst einmal das Regelungsobjekt vor: die
Energiewirtschaft. Da große Teile des Energierechts sich anhand der
Besonderheiten der Energiewirtschaft erklären, ist es für jede Abhandlung zum
Energierecht entscheidend, dass diese Erklärung in der gebotenen Kürze alle
wesentlichen Merkmale der Energiewirtschaft darstellt. Dies gelingt Mitto: Dem
Leser werden zunächst die grundlegenden Aktivitäten der Energiewirtschaft
vorgestellt. Energieproduktion, Energietransport (über Netze) und der Vertrieb
der Energie an Abnehmer (der Verbraucher oder gewerbliche/industrielle
Stromkunden). Die Besonderheiten der Energiewirtschaft werden vorgestellt: die
starken Auswirkungen der Energieproduktion auf die Umwelt, das natürliche
Monopol der Eigentümer der Stromnetze, und so weiter. Besonders gut
verständlich ist ein Kapitel zu den verschiedenen Zielen, die Gesetze bei der
Regulierung der Energiewirtschaft im Auge haben und inwiefern diese Ziele im
Konflikt zueinanderstehen und so die besonderen Herausforderungen der
Regulierungen des Energiemarktes mit sich bringen. Besonderes Augenmerk legt
Mitto hier auf das Ziel, die Energiewirtschaft CO2-neutral zu gestalten, was
Investitionen erfordert, welche den Energiepreis steigen lassen und somit für
einem Teil der Bevölkerung Wohlstandseinbußen bedeuten. Mitto bringt es auf den
Punkt, indem er schreibt: „Energiepolitik ist zugleich immer auch Umwelt-,
Wettbewerbs-, Fiskal-, Industrie-, Struktur-, Sozial-, und nicht zuletzt Außen-
und Sicherheitspolitik“.
Nach den
grundlegenden Erklärungen steigt Mitto so richtig in die Materie ein: Zuerst
ist das Energiewirtschaftsgesetz dran (EnWG), in welchem Mitto einen
Schwerpunkt auf die Regelungen zur Entflechtung des Energiemarkts setzt, die
zum Ziel haben, dass trotz des natürlichen Monopols der Netzeigentümer auf der
Transportebene der Wertschöpfungskette so viel Wettbewerb wie möglich herrscht
und marktwirtschaftliche Effekte zu angemessen niedrigen Verbraucherpreisen
Anwendung finden. Hier schafft es Mitto, wirklich komplizierte Materie auf
kurzem Platz sehr verständlich darzustellen. Das ist wirklich ein kleines
Kunststück, wo doch die Regelungen im EnWG zur Entflechtung von
Energieunternehmen wahrlich nicht einfach zu verstehen sind. Der Rezensent hat
schon deutlich ausführlichere Lehrbücher zum Thema gelesen, in denen trotz mehr
Raum zum Erklären der Text weniger aufschlussreich war. Nur an wenigen Stellen
scheitert auch der Contentdichte-Künstler Mitto an der schieren Komplexität der
Materie. Der Rezensent hatte zum Beispiel Schwierigkeiten, die Ausführungen zur
Entflechtung von Transportnetzbetreibern zu verstehen, in denen Mitto auf nur 2
Seiten versucht, die drei Entflechtungsarten für Transportnetzbetreiber zu
erklären, welche das EnWG bereitstellt.
Im Weiteren
spricht Mitto die klassischen Regelungsbereiche des EnWG, unter anderem
Netzanschluss und Netzzugang, durch. Er erklärt die Einbettung des deutschen
Energierechts in die europäische Energiepolitik und stellt in diesem
Zusammenhang die grundlegenden Europäischen Energiepolitiken und dessen Akteure
wie zum Beispiel die EU-Behörde ACER vor. Ein weiterer interessanter Punkt, der
von Mitto ins Auge genommen wird, ist die Entwicklung der Energienetze hin zum
Smart Grid. Dafür legt er zunächst eine Definition des Smart Grid vor und
schafft damit Abhilfe, um dem so viel genutzten wie nicht inhaltlich
definierten Terminus Smart Grid eine konkrete Form zu geben. In diesem
Zusammenhang erklärt er den Sinn des Messstellenbetriebsgesetzes. Dies
empfindet der Rezensent als Vorteil, weil dieser aus beruflicher Erfahrung
weiß, dass rechtliche Fragen rund um die Messtechnik eine wichtige Rolle in der
Rechtsberatung der Energiewirtschaft spielen, die Kenntnis vieler jungen
Energierechtler auf dem Gebiet der Regulierung von Messtechnik jedoch meist
rudimentär ist. Ein weiterer behandelter Punkt ist die Regulierung des
Netzausbaus. In diesem Zusammenhang geht Mitto um des Verständnis willens auch
auf allgemeines Verwaltungsrecht wie zum Beispiel das Recht des
Planfeststellungsverfahrens in der VwVfG ein. Auch hier war der Rezensent
begeistert: Auf einigen Seiten wird in kleinen Abschnitten zwischen dem Text
zum Netzausbau Schritt für Schritt der Ablauf eines Planfeststellungsverfahren
und die Stufen der Öffentlichkeitsbeteiligung erklärt. Dies verbildlicht den
Ablauf der Planung des Netzausbaus ungemein.
Insgesamt zeigt
sich hieran der didaktische Ansatz des Kurzlehrbuches: Mitto kombiniert die
speziellen Erklärungen zum Energierecht mit den notwendigen Inhalten des
allgemeinen Verwaltungsrechts. Somit wird für den Leser zum einen die Stellung
des Energierechts im deutschen Recht als besonderes Verwaltungsrecht klar.
Weiterhin erhöht sich das Verständnis für einzelne Elemente des Energierechts,
wenn man sich im Klaren darüber ist, wie die Regelungen in das allgemeine
Verwaltungsrecht eingebettet sind.
Zur weiteren
optischen Unterstützung des Fließtextes kommen grau unterlegte Boxen mit
Extra-Informationen. Somit wird für den Leser das Elementare von Zusatzwissen
getrennt. Ohne Probleme lassen sich Infoboxen auch überspringen, ohne dass der
Textfluss unterbrochen wird. Diagramme visualisieren besonders komplexe
Regelungsbereiche anschaulich. An wenigen Stellen allerdings wird es
unübersichtlich: Da häufen sich die grauen Infoboxen so sehr, dass man aus dem
Lesefluss des Fließtextes herauskommt und zuweilen ein wenig desorientiert ist.
Hier hätte sich eine bessere Entzerrung des Spezialwissens angeboten.
Nichts desto trotz
ist der Rezensent, der das Energierecht ausführlich selber studiert und in der
anwaltlichen Praxis erlebt hat, überzeugt von der Geeignetheit dieses
Kurzlehrbuches, dem Neuling auf dem Bereich des Energierechts einen sehr guten
Überblick zu geben. Es ist die Auswahl der Themen die von Mitto in den
Ausführungen priorisiert werden, die dieses Lehrbuch von anderen Lehrbüchern
abhebt und dem Leser einen guten Einblick in die aktuellen Brennpunkte des
Energierechts verschafft. Eine Leseempfehlung wird wärmstens erteilt.