Wegerich
/ Hartung (Hg.), Der Rechtsmarkt in Deutschland – Überblick, Analysen, Erkenntnisse,
1. Auflage, Frankfurter Allgemeine Buch 2014
Von
Rechtsanwalt Andreas Ihns, Fachanwalt für Familienrecht, Lübeck
Der Rechtsanwalt Karl-Peter Winter veröffentlichte im Jahr 1989 das Buch „Der
Rechtsanwaltsmarkt“ und bot damit, soweit ich es überblicke, erstmals eine
Analyse des wirtschaftlichen Umfeldes deutscher Rechtsanwälte. Auf seinen
Erkenntnissen aufbauend entwickelte er Szenarien und bewies damit einen
beachtlichen Weitblick. Seither sind über 20 Jahre vergangen. Es sind
inzwischen zahlreiche Abhandlungen über anwaltliches Marketing und die betriebswirtschaftliche
Führung von Anwaltskanzleien erschienen. Mit den Strukturen des Rechtsdienstleistungsmarktes
und den zukünftigen Trends beschäftigte sich allerdings erst wieder die im
Sommer 2013 erschiene Zukunftsstudie des DAV „Der Rechtsdienstleistungsmarkt
2030“.
Unter der Federführung von Prof. Dr. Thomas Wegerich und Markus Hartung erschien nunmehr in
erster Auflage das Buch „Der Rechtsmarkt in Deutschland“. Insgesamt 34 Autoren
tragen ihre Erkenntnisse über den deutschen Rechtsmarkt in 33 Aufsätzen
zusammen und bieten damit ein vielschichtiges Bild vom wirtschaftlichen Umfeld
deutscher Rechtsanwälte. Die einzelnen Artikel sind den drei Kapiteln „Der Status quo“, „Best Practices“ und „Trends“
zugeordnet.
Im Kapitel „Der Status quo“ wird zunächst ein kurzer Abriss gegeben über die
Entwicklung des Rechtsmarkts in den letzten 25 Jahren, den Rechtsmarkt „heute“
sowie der Segmentierung des Rechtsmarkts. Im zweiten Kapitel wird unter der
Überschrift „Best Practices“ eine Vielzahl
unterschiedlicher Themen abgehandelt, etwa zum Vertrieb von
Rechtsdienstleistungen, zum Cross-Selling, zu Innovationen im Rechtsmarkt oder
zu Personalthemen wie dem „Recruiting“ oder der kanzleiinternen Weiterbildung.
Im letzten Kapitel „Trends“
beschäftigen sich die Autoren u.a. mit dem Legal
Process Outsourcing und Mayson
fragt: Alternative Business Structures:
Threat or opportunity?
Die einzelnen Kapitel bieten
unterschiedlichen Erkenntnisgewinn. Ewer,
seit 2009 Präsident des DAV, spricht sich in seinem Aufsatz „Der Rechtsmarkt
heute“ bspw. für den Allgemeinanwalt und für die Einheitlichkeit des
Anwaltsberufs aus. Seine Einsichten sind nicht neu, sie beherrschten eine Zeit
lang die berufspolitische Diskussion um die Einheitlichkeit des Anwaltsberufs
und waren, in den Grundzügen, immer wieder einmal im Anwaltsblatt nachzulesen. Die
Einsicht, dass guter Rechtsrat auch in Allgemeinfeldern berufspolitisch
wünschenswert sei, ist die eine Seite. Die wirtschaftliche Realität scheint mir
allerdings, nicht nur in Deutschland, eine andere zu sein. Die Einsichten von Prof. Dr. Ewer sind die eines Verbandsfunktionärs,
ich teile sie nicht, finde sie aber legitim. Ob die Proklamation eines
berufspolitisch gewünschten Zustands zu den selbstgesteckten Zielen des Buches,
nämlich Analysen und Erkenntnisse über den deutschen
Rechtsmarkt zu bieten, passt, erscheint mir der Überlegung wert zu sein. Erfrischend
ist in diesem Zusammenhang die Einschätzung Tauschs
350 Seiten weiter hinten: „Der
Allgemeinanwalt ist tot, da nutzen auch die Mantras der Berufspolitiker nichts.“
Man kann es dem Werk nicht nachsagen, es würde nicht das gesamte Meinungsspektrum
wiedergegeben.
Der Aufsatz von Tausch zum Thema „Kleinkanzlei:
Archetypus und Schlusslicht – Denn sie wollen nicht wissen, was sie tun können“
ist unterhaltsam geschrieben und der Verfasser hatte ersichtlich Spaß daran,
mit spitzer Feder eine Charakteristik der Anwaltschaft zu bieten. Der Text
beginnt mit einem unterhaltsamen Ausblick auf das Jahr 2070. Interessant ist
die Einschätzung des Autors auf Seite 391, dass im Jahr 2070 „Mediation (…) die Gerichte nahezu
überflüssig gemacht…“ hat. Erstaunt hat mich dann allerdings die Ansicht
des Autors auf Seite 414, dass die Mediation in Deutschland keinen Markt habe. Es
ist schade, dass es der Autor hierbei belässt und diesen Widerspruch nicht
aufklärt. Auch der kraftvolle Aufruf an den anwaltlichen Einzelkämpfer „Werdet
James Bond!“ sorgt unter Berufsanfängern sicherlich für ein Schmunzeln, in
einem Buch über den Rechtsmarkt aus Sicht der wirtschaftsberatenden Kanzleien
wirkt er deplatziert. Der Text richtet sich eher an Studenten und Referendare. Für
mich war er unterhaltsam, aber leider mit keinem Erkenntnisgewinn verbunden.
Interessant und überaus lesenswert ist fand
ich den Aufsatz von Horstschäfer über
das Key Account Management in einer
internationalen Kanzlei. Der Autor gibt Einblick in die Tätigkeit eines
Betreuers von „Schlüsselkunden“, also solchen Mandanten, die für die Existenz
einer Kanzlei von besonderer Bedeutung sind und deren Betreuung oft eher
intuitiv und nicht immer planmäßig erfolgt. Seine Erkenntnisse sind auch für
kleinere Kanzleien interessant, obgleich der Aufbau eines vergleichbaren Key
Account Managements an den fehlenden Ressourcen scheitern dürfte. Ergänzt wird
der Aufsatz durch die Betrachtungen von Willamowski
zum Client Relationship Management. Es
ist überaus spannend zu sehen, wie betriebswirtschaftliche Instrumente Einzug
in Anwaltskanzleien halten und dort zum Einsatz gelangen. Nach Einschätzung der
Autoren wird sich die Beziehung zwischen Anwalt und Mandant künftig dahingehend
verändern, dass Anwälte den Nutzen ihre Leistung stärker erklären und damit das
Verhältnis zum Mandanten neu definieren müssen.
Diese Beispiele müssen aus Platzgründen
reichen. Mir gefällt das Buch insgesamt gut, es gibt nur wenig Literatur, die
sich mit dem Rechtsberatungsmarkt auseinandersetzt. Das Buch ist zwar nicht aus
„einem Guss“ sondern wirkt eher wie eine Aufsatzsammlung. Dies hat zur Folge,
dass die einzelnen Aufsätze nicht immer abgestimmt wirken, es gibt viele
Wiederholungen und Überschneidungen. Dies stört insbesondere dann, wenn man das
Buch in „einem Rutsch“ liest. Andererseits kann sich der Leser problemlos das
ihn interessierende Thema heraussuchen und muss das Buch nicht von Anfang bis
Ende durcharbeiten. Ich kann das Buch jedem empfehlen, der sich intensiver mit
dem „Rechtsmarkt“ auseinander setzen möchte und Spaß daran hat, das vielfältige
Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet zu erhalten.