Samstag, 19. Juli 2014

Rezension Zivilrecht: Der Unterhaltsprozess


Eschenbruch / Schürmann / Menne, Der Unterhaltsprozess, 6. Auflage, Luchterhand 2013

Von Rechtsanwalt Andreas Ihns, Fachanwalt für Familienrecht, Lübeck


An Literatur zum Unterhaltsrecht herrscht wahrlich kein Mangel. Was spricht also ausgerechnet für das nunmehr in der 6. Auflage erschienene Handbuch von Eschenbruch/Schürmann/Menne über den Unterhaltsprozess? Bereits der erste Griff zum Handbuch beeindruckt. Ein Team von 12 Autoren aus Justiz, Anwaltschaft und Wissenschaft hat auf fast 1700 Seiten nicht weniger als ein überaus umfangreiches „Praxishandbuch des materiellen Unterhaltsrechts und des Verfahrens in Unterhaltssachen“ (so der offizielle Untertitel) vorgelegt.

In den ersten beiden Kapiteln wird auf über 1000 Seiten das materielle Unterhaltsrecht, unterteilt in den Ehegattenunterhalt (Kapitel 1) und der Verwandtenunterhalt (Kapitel 2) vollständig und überaus detailreich, überwiegend von den Herausgebern Eschenbruch und Schürmann aufgefächert. In Kapitel 3 wird sodann das Unterhaltsverfahrensrecht dargestellt. Die darauffolgenden drei Kapitel befassen sich mit wichtigen Spezialfragen des Unterhaltsrechts, nämlich der unterhaltsrechtlichen Einkommensermittlung (Kapitel 4), der Konkurrenz von Sozialleistungen und Unterhalt (Kapitel 5) sowie dem Internationalen Unterhaltsrecht (Kapitel 6).

Das Kapitel über den Ehegattenunterhalt überzeugt mich durch den klaren Aufbau der Darstellung. Dies ist wichtig, da das Unterhaltsrecht ein sehr dogmatisches Rechtsgebiet ist und eine alleine an der gesetzlichen Regelung orientierte Darstellung kaum in der Lage ist, die Strukturen eingängig offenzulegen. Da der Ausgangspunkt jeder Unterhaltsprüfung das Gesetz ist, werden zunächst die gesetzlichen Voraussetzungen der einzelnen Unterhaltstatbestände ausführlich erörtert. Im Anschluss daran befassen sich die Autoren mit dem „Grundgerüst“ des Unterhaltsanspruchs, also dem Bedarf, dessen Begrenzung und Befristung, der Bedürftigkeit des Berechtigten, die Leistungsfähigkeit des Verpflichteten sowie die Erlöschungsgründe (u.a. Verwirkung, Verjährung und Verzicht). In den Text sind vereinzelt Übersichten eingearbeitet, die das Verständnis der dogmatischen Strukturen erleichtern. Einige Fallkonstellationen werden darüber hinaus durch Berechnungsbeispiele erläutert.

Im Kapitel 2 über den Verwandtenunterhalt werden sodann die Ansprüche minderjähriger und volljähriger Kinder, der Eltern sowie unverheirateter Eltern dargestellt. Der Aufbau folgt auch hier dem dogmatischen Grundschema (gesetzlicher Tatbestand, Bedarf, Bedürftigkeit und Leistungsfähigkeit). Im Abschnitt über den Elternunterhalt werden zudem Vorschläge für eine einheitliche Berechnung des Anspruchs unterbreitet.

Das Kapitel 3 enthält eine konzentrierte Darstellung des Unterhaltsverfahrensrechts, von der Antragstellung über das eigentliche Verfahren bis hin zum einstweiligen Rechtsschutz, der Unterhaltsabänderung, den Rechtsmitteln und der Vollstreckung. Hilfreich finde ich die Ausführungen zur Antragstellung, da hier in der Praxis oftmals Schwierigkeiten bestehen. Dasselbe gilt für die (sehr knappen) Hinweise zur Antragsbegründung und zur Antragserwiderung. Hier lernt der Leser noch einmal die Darlegungslast im Unterhaltsrecht kennen und wird, wenn er dies beherzigt, Unterhaltsanträge künftig nicht mehr alleine nur mit einer computergestützten Unterhaltsberechnung begründen. Eine Unsitte, die wohl der Komplexität und partiellen Unkenntnis des Rechtsgebiets geschuldet ist. Hier kann das „Praxishandbuch“ wertvolle Dienste leisten. Es lohnt sich in jedem Fall, das 250 Seiten starke Kapitel zum Verfahrensrecht konzentriert durchzuarbeiten.

Die Abhandlung zum Unterhalts- und Verfahrensrecht wird sodann in den Kapiteln 4 bis 6 um besondere Themen ergänzt. In der täglichen Praxis sicherlich am bedeutsamsten sind das Kapitel 4 zur Einkommensermittlung im Unterhaltsrecht und das Kapitel 5 zur Konkurrenz von Unterhalt und Sozialleistung (nicht nur Grundsicherung und Sozialhilfe sondern auch z.B. Elterngeld, Ausbildungsförderung und Wohngeld).

Zusammenfassend kann die eingangs gestellte Frage sehr leicht beantwortet werden. Es gibt zwar sehr viel Literatur zum Unterhaltsrecht, die Anschaffung des hier vorgestellten Werkes „Der Unterhaltsprozess“ macht die Anschaffung weiterer Werke aber weitgehend überflüssig. Es gehört für mich unverzichtbar in meine Handbibliothek zum Unterhaltsrecht und kann jedem Familienrechtspraktiker empfohlen werden. Begrüßenswert finde ich die Idee des Verlages, mit der Anschaffung des (Print-)Werkes zugleich kostenlos die Onlineversion des Buches (sog. jBook) auf jurion.de zur Verfügung zu stellen. Bei einem Umfang von fast 1.700 Seiten ist ein entsprechendes Gewicht leider unvermeidbar; das jBook wiegt nichts, ist umfassend verlinkt und kann, sofern ein Zugriff auf die Jurion-Datenbank besteht, von überall aus aufgerufen werden.