Dienstag, 30. Juli 2019

Rezension: Fälle zum Staatsorganisationsrecht

Höfling / Rixen, Fälle zum Staatsorganisationsrecht, 6. Auflage, C.H. Beck 2019

Von Ass. iur. Sonja Peters, MIL (Genf), Bonn



Das Staatsorganisationsrecht ist eines der Rechtsgebiete, welches dem Jurastudenten bereits im ersten Semester begegnet. Insbesondere für den Jura-Neuling, aber auch für den Examenskandidaten, ist das Staatsorganisationsrecht nicht immer leicht zugänglich. Da das Staatsorganisationsrecht auch häufig in klausur- und examensrelevanten Grundrechtsklausuren abgeprüft wird, sollte die Bedeutung dieses Rechtgebiets nicht unterschätzt werden. Die Mitte Februar 2019 erschienene, nunmehr 6. Auflage des Fallbuches zum Staatsorganisationsrecht von Höfling / Rixen bietet Abhilfe.

Auf insgesamt 200 Seiten werden in 16 Fällen, klar strukturiert und gut verständlich, verschiedene prüfungsrelevante Themen im Staatsorganisationsrecht erörtert. Zum einen werden prüfungsrelevante „Standardthemen“, wie Fragen der Gesetzgebungskompetenz, des Gesetzgebungsverfahrens und der Stellung des Bundesrates und des Bundespräsidenten (Fälle 1-6), und Themen zur „parteienstaatlich geprägte[n] Demokratie des Grundgesetzes“ (so in der Einleitung für die Fälle 7-13 beschrieben), wie die Wahlrechtsgrundsätze, partei- und parlamentsrechtliche Fragestellungen sowie das Untersuchungsausschussrecht, thematisiert. Zum anderen werden speziellere Themen, wie das Beamtenrecht (Fall 14), die Äußerungsbefugnis von Hoheitsträgern und die Chancengleichheit politischer Parteien (Fall 15) und das Finanzverfassungsrecht im Bereich der Bildungspolitik (Fall 16) behandelt.

Sowohl im Inhaltsverzeichnis als auch gleich zu Beginn der Darstellung der Fälle werden die Schwerpunkte des jeweiligen Falles genannt. Dadurch ist ein gezieltes Arbeiten mit den Fällen möglich, die den Leser thematisch interessieren. Das chronologische Abarbeiten der Fälle ist dabei nicht erforderlich. Die Fälle bauen nicht aufeinander auf. Zudem werden Themen wie die Gesetzgebungskompetenzverteilung in jedem Fall erklärt, in dem es dem Verständnis des Lösungsvorschlags dient (siehe beispielsweise S. 4 unter I., S. 16 unter I und S. 27 unter I.).

Neben den genannten materiell-rechtlichen Problemstellungen werden prozessuale Fragestellungen und dabei insbesondere die verfassungsgerichtlichen Überprüfungsmöglichkeiten, wie die abstrakte Normenkontrolle (Fälle 2, 3 und 6) sowie die konkrete Normenkontrolle (Fall 14), der Bund-Länder-Streit (Fall 5), die Nichtzulassungsbeschwerde (Fall 9) und das Organstreitverfahren (Fälle 10, 11, 12 und 15) erörtert. Darüber hinaus werden eher unbekannte Rechtsbehelfe des parlamentarischen Untersuchungsausschusses (Fall 11) dargestellt.

Die Fallbearbeitungen sind wie folgt strukturiert: Dem Sachverhalt folgt eine Gliederung des darauffolgend ausformulierten Lösungsvorschlags mit anschließenden Hinweisen zur Falllösung, beispielsweise zur Herangehensweise und zum Schweregrad des Falles. Anschließend wird ein zentraler Themenkomplex des Falles zur Wiederholung und systematischen Aufarbeitung in einem umrahmten Text auf ein bis zwei Seiten zusammengefasst. Solche Themenkomplexe sind beispielsweise die Gesetzgebungskompetenzen (Fälle 1 und 2), das Gesetzgebungsverfahren (Fall 4) oder die Wahlrechtsgrundsätze (Fall 7). Dadurch können wichtige Problemstellungen auch ohne erneutes Lesen des Lösungsvorschlags nachgelesen und wiederholt werden. Ferner bieten weiterführende Leserhinweise unter Nennung der für den Fall oder die behandelte Thematik relevanten Leitentscheidungen des Bundesverfassungsgerichts und unter Nennung von Aufsätzen in Ausbildungszeitschriften dem Leser die Möglichkeit sich noch vertiefter mit bestimmten staatsorganisationsrechtlichen Fragestellungen zu beschäftigen.

Gegenüber der 5. Auflage enthält die vorliegende Fassung einen interessanten aktuellen Fall (Fall 15), dessen Sachverhalt einer jüngsten Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts um die Äußerungen der ehemaligen Bundesbildungsministerin Wanka auf der Homepage des Ministeriums nachgebildet ist (BVerfG, Urteil des Zweiten Senats vom 27. Februar 2018, 2 BvE 1/16). In der Fallbearbeitung werden ausdrücklich die weiteren relevanten Urteile des Bundesverfassungsgerichts zur Äußerungsbefugnis von Hoheitsträgern und zur Chancengleichheit politischer Parteien genannt (BVerfG, Urteil des Zweiten Senats vom 16. Dezember 2014, 2 BvE 2/14 zu einer Äußerung der ehemaligen Bundesfamilienministerin Schwesig, sowie Urteil des Zweiten Senats vom 10. Juni 2014, 2 BvE 4/13 zu einer Äußerung des ehemaligen Bundespräsidenten Gauck) und auf sie Bezug genommen (siehe beispielsweise Fußnote 37 auf Seite 179 sowie der zweite Absatz auf Seite 180 der Fallbearbeitung). Dadurch ist eine gezielte Auseinandersetzung mit der hoch relevanten Thematik möglich.

Leider bleibt im letzten Fall die jüngst im April 2019 in Kraft getretene Grundgesetzänderung zur Erweiterung der Kompetenzen des Bundes zur Unterstützung von Ländern und Kommunen bei Investitionen in die kommunale Bildungsinfrastruktur (Stichwort „DigitalPakt Schule“), unerwähnt. Obwohl die Veröffentlichung des Fallbuches nach dem Inkrafttreten der Grundgesetzänderung erfolgte, wäre die Erwähnung der aktuellen Diskussion möglich (Gesetzesänderung wurde von der Bundesregierung im Mai 2018 initiiert) und wünschenswert gewesen.

Fazit: Das aktuelle Fallbuch von Höfling / Rixen stellt für Erstsemester und fortgeschrittene Jurastudenten eine gute Ergänzung zur Arbeit mit einem Lehrbuch bzw. einem Kommentar dar.