Sonntag, 16. Dezember 2018

Rezension: International and European Labour Law

Ales / Bell / Deinert / Robin-Olivier, International and European Labour Law, 1. Auflage, Nomos/Beck/Hart 2018

Von Ass. iur. Fabian Bünnemann, LL.M., LL.M., Essen


Nachdem es lange Zeit an übersichtlichen Kommentaren zum europäischen Arbeitsrecht fehlte und die dort zu findenden Normen lediglich in den Kommentierungen zu nationalen Vorschriften berücksichtigt waren, hat der Beck-Verlag bereits vor zwei Jahren mit dem Franzen/Gallner/Oetker einen „Kommentar zum europäischen Arbeitsrecht“ auf den Markt gebracht, der höchsten Ansprüchen gerecht wird und mittlerweile bereits in zweiter Auflage erschienen ist (vgl. Rezension zur 1. Auflage hier im Blog). Die vergangenen zwei Jahre der Arbeit mit dem Franzen/Gallner/Oetker haben gezeigt, wie wichtig ein solcher Kommentar mittlerweile in der täglichen Arbeit geworden ist. Denn es existiert kaum mehr eine arbeitsrechtliche Thematik, die keine Bezüge zum europäischen oder internationalen Recht aufweisen würde.

Insofern ist es überaus zu begrüßen, dass nun auch Nomos – in Kooperation mit C.H. Beck und Hart Publishing – einen Kommentar zum internationalen und europäischen Arbeitsrecht aufgelegt hat. Die Herausgeber, Edoardo Ales, Mark Bell, Olaf Deinert und Sophie Robin-Olivier, allesamt ausgewiesene Kenner der Materie, haben beachtenswerte 80 Autoren gewinnen können, die vielfach durch ihre besondere Expertise im europäischen Arbeitsrecht bereits einige Bekanntheit erlangt haben.

Anders als der Franzen/Gallner/Oetker legt das vorliegend besprochene, 1678 Seiten umfassende Werk eine europäische Perspektive zugrunde. Dies zeigt sich bereits daran, dass das Werk in englischer Sprache verfasst ist, was aber geradezu folgerichtig ist, wenn man Experten vom gesamten Kontinent für ein solches Projekt gewinnen mag. Die Sprachwahl trägt aber sicherlich auch der Tatsache Rechnung, dass vielfach Diskussionen zum europäischen und internationalen Arbeitsrecht in englischer Sprache geführt werden.

Das Werk ist in neun Teile gegliedert. In einem ersten Teil werden grundlegende Bestimmungen untersucht, etwa relevante Vorschriften des AEUV, der EU-Grundrechtecharta, der Europäischen Sozialcharta sowie aus Abkommen der Internationalen Arbeitsorganisation. In weiteren Kapiteln werden einschlägige Bestimmungen thematisch gebündelt, etwa zu Arbeitnehmerfreizügigkeit (Teil 3), Arbeitsbedingungen (Teil 5), Tarif- und Arbeitskampfrecht (Teil 7) oder zur Beteiligung von Arbeitnehmern (Teil 8).

Die Einteilung in grundlegende Bestimmungen sowie die verschiedenen thematischen Komplexe führt auf der einen Seite zu einer gesteigerten Übersichtlichkeit über das Normgeflecht, andererseits naturgemäß aber auch dazu, dass manche Norm an verschiedenen Standorten Bedeutung erlangt. Damit nicht an verschiedenen Stellen im Werk dieselbe Norm kommentiert wird, arbeitet das Werk hier mit Verweisen (vgl. etwa Art. 28-31 EU-GrCh). Dennoch gefällt dem Rezensenten der innovative Ansatz, zwar einen Kommentar zum gesamten europäischen und internationalen Arbeitsrecht nutzen zu können, die abgehandelten Normwerke aber nicht wie gewohnt alphabetisch zu sortieren, sondern thematisch zu gruppieren. Denn dies führt dazu, dass auch beim ersten Zugriff bereits zu erkennen ist, welche Bestimmungen möglicherweise zur Beantwortung einer bestimmten Frage heranzuziehen sind – ein nicht zu unterschätzender Vorteil in einem Gebiet, das sich durch vielerlei Verflechtungen auszeichnet. Zudem kann so den einzelnen Themenkomplexen jeweils eine knappe Einleitung vorangestellt werden, die den Leser in gebotener Kürze bereits in die – jedenfalls groben – Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Rechtsquellen einführen kann.

Beispielhaft sei der Teil zum Gleichbehandlungs- bzw. Antidiskriminierungsrecht („Part 2 – Equality Law“) herausgegriffen. In einer kurzen Einleitung zeigt Bell zunächst die hinter dem Gleichbehandlungsrecht stehende Absicht auf, wonach – im Unterschied zu anderen arbeitsrechtlichen Bereichen – nicht die Festlegung von Mindeststandards oder Schutzvorschriften das Ziel ist, sondern allein die Gleichbehandlung ungeachtet persönlicher Merkmale wie Geschlecht, ethnischer Herkunft, Religion, Behinderung, Alter oder sexueller Orientierung (S. 431, Rn. 1). Sodann stellt er knapp die maßgeblichen Rechtsquellen vor und bezieht dabei deren historische Entwicklung ein (Rn. 2 ff.).

Sodann werden in Kapitel 1 allgemeine Rechtsnormen diesbezüglich abgehandelt, etwa der Internationale Pakt über Bürgerliche und Politische Rechte, der Internationale Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte sowie das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau. Zudem ist die Bestimmung des Art. 14 EMRK in diesem Rahmen kommentiert, die aufgrund der immer größer werdenden Bedeutung der EMRK – auch im Bereich des Arbeitsrechts – neben den einschlägigen EU-Richtlinien nicht zu vernachlässigen ist.

Kapitel 2 widmet sich den Vorschriften des Unionsrechts. Maßgeblich sind hier die Bestimmungen der Richtlinie 2000/78/EG (sog. Antidiskriminierungs-Richtlinie), die in Deutschland maßgeblich durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) umgesetzt worden ist. Doch führen die Bestimmungen des AGG alleine oft nicht zum Ziel, sondern sind unter Berücksichtigung der zugrundeliegenden Richtlinie auszulegen. An diesem Punkt ist ein Kommentar wie der vorliegende äußerst hilfreich, da er nicht auf die nationale, sondern auf die europäische Regelung fokussiert ist und somit dem Leser gute Hinweise auf die Auslegung der europäischen Vorschriften liefert. Die Abhandlung der gesamten Antidiskriminierungs-Richtlinie auf knapp 27 Seiten ist naturgemäß ein recht ambitioniertes Unterfangen. Der bereits zitierte Franzen/Gallner/Oetker veranschlagt für die Kommentierung mehr als das Sechsfache an Umfang. So wird dann auch keine umfassende Kommentierung geliefert. Muir/Waddington stellen vielmehr die Grundzüge unter Auswertung der EuGH-Rechtsprechung dar; Ausführungen in der Literatur werden nur sehr wenige einbezogen. Zudem wird selbst bei Darstellung der Grundzüge keine umfassende Kommentierung geliefert. Stattdessen setzen die Autoren teilweise einen Fokus auf bestimmte Teile von Vorschriften oder bestimmte Problemlagen. So blieb der Rezensent auf der Suche nach Ausführungen zur Altersdiskriminierung zunächst etwas ratlos. Zwar gehen Muir/Waddington richtig in der Annahme, dass Art. 1 der Richtlinie keine Definition der dort aufgeführten Diskriminierungsmerkmale nennt (Rn. 5). Doch sollte es nicht gerade Sache eines Kommentars sein, an einer solchen Stelle anzusetzen und unter Auswertung von Judikatur und Literatur hier Lösungen oder zumindest Ansätze zu liefern? Einzig das Merkmal der Behinderung wird hier herausgegriffen und diskutiert (Rn. 6 ff.). Dieses Versäumnis wird auch bei Art. 6 der Richtlinie, der sich der Rechtfertigung von Benachteiligungen aufgrund des Alters widmet, nicht nachgeholt. Gleichwohl sind die an dieser Stelle getätigten Ausführungen lesenswert, etwa wenn die Bearbeiterinnen die Anforderungen an das für eine Rechtfertigung erforderliche legitime Ziel diskutieren (Rn. 62 ff.), die Anforderungen an die Verhältnismäßigkeit darstellen (Rn. 65 ff.) oder die oftmals wenig beachtete Verknüpfung zu Art. 2 Abs. 2 lit. b der Richtlinie herstellen (Rn. 69).

Der inhaltliche Gehalt der Ausführungen ist gewiss nicht gering zu schätzen. Die Bearbeitungen sind überaus lesenswert und führen zu einigem Erkenntnisgewinn, wenngleich sich dem Leser nicht immer gleich erschließt, an welcher Stelle eine bestimmte Thematik zu finden ist. Wünschenswert wäre insofern etwa eine Inhaltsübersicht zu Beginn eines jeden Teils sowie eine die Artikel aufführende Inhaltsübersicht vor einem jeden behandelten Normwerk. So ist etwa die den Ausführungen zur Richtlinie 2000/78/EG vorangestellte Übersicht (S. 520) nicht wirklich zielführend: Zwar werden – vom Inhalt her – die Artikel auch hier der Reihe nach („Article-by-Article“) abgehandelt. Die Inhaltsübersicht gibt aber weit überwiegend nicht die Artikel an, sondern lediglich Überschriften, was eher der Darstellungsweise eines Handbuchs entspricht (Hauptgliederungspunkte: „I. General features“, „II. Personal scope“, „III. Concept of discrimination“, „IV. Material scope“, etc.).

Schließlich werden in Kapitel 3 noch internationale Abkommen behandelt, die außerhalb des Unionsrechts stehen, vorliegend vier Abkommen aus dem Bereich der Internationalen Arbeitsorganisation.

Die Kommentierungen folgen stets demselben Aufbau. Nach dem Abdruck der Norm folgen – soweit erforderlich – eine kleine Inhaltsübersicht und sodann die eigentliche Kommentierung. Äußerst hilfreich sind auch die teilweise zu findenden „Lists of cases“, in denen wichtige Entscheidungen der für die Auslegung der jeweiligen Bestimmungen zuständigen Überwachungsgremien bzw. Spruchkörper tabellarisch zusammengestellt sind.

Dem Lesevergnügen zuträglich ist außerdem, dass der Verlag dem Werk einen umfangreichen Fußnotenapparat spendiert hat und Fundstellen somit nicht den Lesefluss stören. Die Auswertung von Judikatur und Literatur ist dabei von Kommentierung zu Kommentierung unterschiedlich, teilweise etwas knapp (s.o.), teilweise aber auch sehr ausführlich geraten. Vom mittlerweile gängigen Fettdruck von Schlagworten wurde eher zurückhaltend Gebrauch gemacht; dagegen finden sich vielfach innovative Elemente, wie Übersichten und Auszüge aus Urteilen.

Äußerst positiv ist die Haptik des Werks hervorzuheben. Der Verlag hat dem Werk anstelle „Palandt-dünner“ Buchseiten solche gewöhnlicher Papierstärke spendiert. Dies verleiht dem Kommentar ein hochwertiges Auftreten, erhöht das Lesevergnügen sowie die Haltbarkeitsdauer oftmals gesuchter Seiten und rechtfertigt sicherlich zu einem kleinen Teil auch den doch recht hohen Anschaffungspreis von 280 Euro.

Ausbaufähig ist allerdings das Stichwortverzeichnis, das in der ersten Auflage nur 14 Seiten umfasst. So findet sich unter „right to strike“ lediglich ein Verweis auf die IAO-Abkommen und eine den entsprechenden Themenkomplex betreffenden Einleitung. Unter „strike“ finden sich dann jedenfalls auch Verweise auf Art. 6 der Europäischen Sozialcharta. Verweise auf Art. 11 EMRK fehlen aber leider gänzlich, gleichwohl diese Norm wohl die bedeutendste Grundlage des Streikrechts im europäischen Raum darstellt.

Wen regelmäßig Fragen des europäischen und internationalen Arbeitsrechts umtreiben, der wird um diesen Kommentar als einem der wenigen, die sich dieser Materie widmen, nicht umhinkommen. Zudem sind die Kommentierungen von hervorragender Qualität, was angesichts des hochkarätig besetzten Autorenkreises auch nicht anders zu erwarten war. Ungeachtet dessen erinnern die Ausführungen vielfach an englischsprachige Veröffentlichungen, die regelmäßig gerade keinen „Article-by-Article-Commentary“ liefern, sondern vielmehr schwerpunktmäßig bestimmte Problemlagen bearbeiten. Wer daher einen Kommentar für den schnellen Zugriff auf umfassende Kommentierungen europäischer Regelungen zum Arbeitsrecht sucht – und zudem die deutsche Perspektive und ggf. Verknüpfungen zum deutschen Recht benötigt – für den ist der Franzen/Gallner/Oetker wohl auch weiterhin die erste Wahl.